Entstehung

Entstehung

Suite für Tanz, Momentmalerei, Videoinstallation, Soloflöte und Orchester

von Hartmut Zöbeley

Moment und Zufall, Ton- und Tanzmalerei

Musik verklingt, was aber bleibt?

Eine Antwort fand ich bei der diesjährigen Vorbereitung der „Serenade im Park“ unter dem Motto „Tanz“. Die Künstlerin Anja Verbeek von Loewis arbeitet mit der Tänzerin Laura Tiffany Schmid zusammen, indem sie den Moment des Tanzes mit japanischer Tusche malt. Das hat mich ungeheuer fasziniert, denn in den Augenblicksgemälden Anja Verbeeks, die an höchste Zen Künste erinnern, tanzt es beim Betrachten weiter und ist doch in der Zeit eingefangen.

Die beiden Künstlerinnen haben den Plan, den Augenblick des Malens über eine Videokamera auf eine Leinwand über der Tänzerin zu übertragen. So tanzt sie zu den Moment-Tuschebildern der Malerin, mit dem eigenen Bühnenbild. Sie trägt mit ihren Tanzgesten zu dessen Entstehung und Fortsetzung bei. Das erinnert mich an den Vorgang des Komponierens:

Aus einem Motiv, einem musikalischem Gestus, entwickelt sich ein Thema, mit dem ich im weiteren Verlauf spiele, darauf reagiere, und es so bearbeite. Es fühlt sich für mich beim Schreiben beinahe so an, als würde ich mir selbst bei der Entstehung zusehen. So, als ob ich das gar nicht bin, der da schreibt. Das Wesentliche im Augenblick zu treffen, die höchste Kunst.

Als ich hörte, dass in der Begleitveranstaltung der Regenwald thematisiert würde, war mir spontan klar, dass die Tanzgemälde von Anja Verbeek etwas Archaisches ausdrückten, das zum Regenwald passen würde. Ich begann zeremonielle Musik der Inkas zu studieren, um mich für die Komposition zu inspirieren. Pentatonik, Chromatik, Klangfarben und Rhythmik flossen mit ein. Die Soloflöte, als altes Inkainstrument, sollte die Hauptrolle spielen.

Kaum fertig mit der Komposition rief ich Anja an, in der bangen Hoffnung, sie würde meine Regenwald- und Inkaflöten Assoziationen mit ihrer Kunst zusammenbringen. Dabei stellte sich zu unser beider Erstaunen heraus, dass der Ursprung ihrer Tanzmalerei bei einem Aufenthalt im Regenwald war und ihr damaliger Lebensgefährte Flötist.

Mit den Videokünstlern FLiszt und Dominik Hammer trafen wir auf glühende Begeisterung, die uns in den Proben inspirierte. Zur Abmischung und Zusammenführung der Kameraeinstellungen konnte der Videokünstler Jan Verbeek gewonnen werden.

Im Zusammenwirken von Komposition, Tanz, Malerei, Videoübertragung, Solo und Orchestermusik schimmert für mich – und vielleicht auch für Sie – eine Sehnsucht durch, die in den Künsten liegt, und die vielleicht auch ihr Ursprung ist.

 

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Anja Verbeek von Loewis

Regenwald

Das Rauschen des fallenden Wassers ist endlos. Was will das ständig gurgelnde Wasser? Versuche ich einen Anfang, eine Sequenz, ein Bewegen zu sehen, löst sich jeder Focus auf, mein Ohr ist betäubt, und doch geht alles ein, es hört tausend Geschichten auf einmal, die alle eine und keine sind. Ich will jetzt vergessen, ich will nicht mehr denken, nicht diese festhalten. Folge ich dem fallenden Wasser, so scheint es weich und schwer nach unten zu rollen, aber da ist schon ein andres Rollen und wieder, mein Auge kann ihm folgen. Ich will nicht mehr so tun, als würde ich alles verstehen, ich ahne, dass mir viel mehr geschenkt wird. Ich lege meinen nackten Rücken auf den heißen Felsen, er riecht nach Stein, rau, fast kitzelnd scharf. Ich schließe die Augen. Ich weiß, dass die Schwalben ganz dicht über mir durch das Tal fliegen. Ich beneide sie um ihre schnelle Eleganz, so frei die Luft durchschneidend.

Ich höre das Wasser gurgeln, brodeln, dann klatscht es, gluckst, prasselt und rauscht, leise verhalten und wieder Anlauf nehmend, mich überschwemmend. Ich höre gar nichts mehr, oder ist es das Wasser? Was passiert um mich, während ich hier nackt auf dem Stein in der Sonne liege, die Augen geschlossen und nur Wasser hörend. Bin ich umzingelt? Woher der Wahn? Woher das sich nicht zugehörig fühlen? Mir scheint, die Steine bewegen sich, sie beginnen ihre Form zu ändern, zu tanzen.Bin ich denn irre? Aber wieso, du bist in der Wildnis, du musst auch aufpassen, es gibt hier wilde Tiere, giftige Pflanzen, es gibt Geister, die wissen, dass du den Eingang verloren hast, dass du lange fort warst. Du riechst anders, du verstehst das Wasser nicht mehr.

Du bist eine Fremde im eigenen Herzen. Denn der Dschungel ist auch mein Herz, sein Pulsieren lockt alle meine Sinne, um sie fast zu zerreißen, gnadenlos berauschend, alles verzehrend, endlos peitschend, endlos reich, endlos schenkend. Aber mein Kopf will nicht, dass ich in all das eingehe, ohne darum das Wissen zu haben, ohne kontrollieren zu können. Es raschelt heftig unter großen Blättern, die Echse ist bestimmt einen Meter lang. Die Spinnennetzte sind gewaltig. Wenn ich an die dicken Fäden mit dem Kopf stoße, pralle ich hart zurück. Sie sind wie Gummistahlseile. Angeblich sollen sie blutende Wunden sofort heilend verschließen. Ich suche die Spinne, da sitzt sie oben, groß, der Körper prall in der Luft wippend.

Und dann sehe ich ganz viele Spinnen, jede hat ihr eigenes Terrain und sitzt inmitten. Ich habe ungeheuren Respekt, ich bewundere dieses Wunder und will gleichzeitig weg. Meine Augen können nicht alles erfassen, zu viele Blätter, Lianen, hohe Mauerwurzeln, Höhlen, Palmen, Bambushaine, und wenn ich nur noch hören kann – nachts – dann ist alles wach in mir. Da ist eine große Angst, weil alles, alles möglich erscheint, zu Realität werden kann, selbst die Gedanken.

Jeder Gedanke ist wirklich und diese Kraft. Das macht süchtig und doch will ich weg. Ich bin in der Stadt geboren, da kenne ich jedes Geräusch, ich kann unterscheiden, orten, abschalten. Unser europäischer Wald ist mir ganz vertraut. Linear gesetzt weiß schon der Keimling um seine Nutzbarkeit. Kontrollierte Daseinsberechtigung zum Wohle der Menschen. Ein ruhiger, gehorsamer Wald im Gegensatz zu diesem Sinnenstrudel hier. Hier ist nichts tot. Die Baumrinde riecht so würzig dunkel feucht, dass ich an meine eigene Geburt erinnert werde. Der Dschungel liebt mich, er schützt mich und trägt mein Sein. Warum fühle ich mich nicht zugehörig? Warum denke ich an Würmer, die sich in meine Fußsohlen bohren können? Warum glaube ich in Schlangen zu fassen, wenn ich auf schmalem Felsengrat nach bemoosten Lianen greife, den Sprung an die leicht gebeugte kleine Palme unter mir wage? Sie wippt und biegt sich geschmeidig hinunter, um mich sanft abzusetzen.

Die kühle Höhle, die strahlend blauen Riesenschmetterlinge, die turtelnden Papageien, die dornigen Stabheuschrecken, die furchtbar dicken Frösche, die Diamantkäfer und die prallen Früchte…warum das alles plattwalzen, roden, abbrennen? Die Angst vor dem mystischen Klang, dem Sichselberspüren, die Angst vor dem Undurchdringbaren ist es. Da wird die eigene Macht gezeigt, da wird einfach alles kahl gebrannt. Clevere Programme wandeln das wilde Pulsieren und Drängen in glattes Geld. Profit für eine Generation, intellektueller Fortschritt. Die Intelligenz des Urwaldes ist gebrochen. Der Mensch ist aus dem Paradies vertrieben, aber er weiß, dass es das Paradies ist.

Flötist_Brasilien.AnjaVerbeekvonLoewis

 Drei Zeichnungen, Anja Verbeek von Loewis

Anja Verbeek von Loewis:

Als ich Hartmut Zöbeley kennenlernte…

Meine Großmutter, Schauspielerin und Mary Wigman Schülerin, schickte mich mit zwölf Jahren zum Ballettunterricht, damit ich neben meiner ständigen Beschäftigung mit Stift und Pinsel auch den Körper als Ausdrucksmittel entdecken sollte.Fasziniert von der Reduktion, mit wenigen Linien dem Wesentlichen eines Körpers oder einer Bewegung Form zu geben, forschte ich zeichnend und malend weiter.

Das Initialerlebnis hatte ich allerdings erst gegen Ende meiner Akademie Studienzeit, als ich mich alleine im brasilianischen Regenwald aufhielt. Zurückgekehrt ins winterliche München, bedrängte mich weiterhin laut und intensiv die gewaltige Urkraft des Dschungels. Ich bekam sie nicht mehr aus meinem Ohr und aus der Spannung zwischen Naturgewalt und Stadtzivilisation heraus entstanden die ersten ‚Inbilder’. Tusche-Tintenbilder, erst Tiere, später archaische, schamanische Figuren, tanzende Menschen. Das Malen der ‚Inbilder’ Figuren begleitet mich seitdem, wie eine Erinnerung und Manifestation an eine nicht sichtbare, aber existente Urgewalt und Lebensfreude.

 In den Ballettstunden, die ich besuche, hatte ich Laura Tiffany Schmid kennengelernt. Ihre strahlende Anmut, gepaart mit einer unglaublichen Kraft und Präzision in Körper und Ausdruck, haben mich so inspiriert, dass ich sie unbedingt malen wollte. Wir sprachen davon, dass es wunderbar wäre, Tanz und Malerei in einer gemeinsamen Aufführung öffentlich zusammen zu bringen. Gerade da lernte ich Hartmut Zöbeley kennen und es faszinierte mich, wie er mit seiner Musik Ähnliches ausdrückt, wie ich mit meinen ’Inbildern’; nämlich dem auf die Spur zu kommen, was uns Menschen verbindet und aus dem wir schöpfen.

 Ich war begeistert von seinem Projekt der ‚Serenade im Park’ und wir stürzten uns zusammen in die Arbeit an diesem Gesamtkunstwerk von Musik, Tanz, Malerei und Video.

Spannend, den Tanz im Moment der Bewegung, live über Video vergrößert, zu malen. Ich mischte mir eine Farbe aus Tusche mit Pigmenten, die ich mit dem großen Japanpinsel leicht und schnell fließend auf das Papier bringen kann.

Das Malen der Bewegung ist wie ein Verstehen der Schwingung der Tänzerin. Es gilt nicht die Erstarrung eines Sprunges festzuhalten, sondern die Bewegung in der Zeichnung mit allen anderen Bewegungen mitschwingen zu lassen. Ein Mitfließen mit der schnellen Bewegungsfolge, die Meditation der Geschwindigkeit.

 Ich freue mich darauf, dieses inspirierende Zusammenspiel mit Ihnen am 5. Juli entstehen zu lassen!

 Anja Verbeek von Loewis

 

Laura Tiffany Schmid:

Ich lernte Anja Verbeek von Loewis im Ballettunterricht von Dorothée Classens kennen. Wir verstanden uns von Anfang an sehr gut und sie schlug vor, mich beim Tanzen zu malen. Diese Idee fand ich toll. In unserer ersten Probe wurde mir schnell klar, dass die flüchtigen Tanzbewegungen nur mit einem geschulten Auge auf diese präzise Weise Form annehmen können, wozu die Ballettstunden sicherlich ihren Teil beigetragen haben.   Hartmut Zöbeleys Komposition „An den Regenwald“ ist ein sehr rundes, tänzerisches Stück. Der Titel und die Musik sollen in meiner Choreografie zum Ausdruck kommen.   Der erste Satz erinnert mich an eine Flussgöttin im Amazonas und Vogelgezwitscher. Der zweite Satz zeigt mir eine Lichtung im Regenwald und ein Innerliches zur Ruhe kommen. Im dritten Satz dachte ich an einen vitalen Tanz bis hin zum Schluss, die Flucht aus dem Regenwald. Vielleicht kann der eine oder andere Zuschauer diese Bilder wiederentdecken.   Es ist für mich ein sehr spannendes Projekt. Das Entwickeln der Choreografie auf ein noch nie gehörtes Werk. Das Zusammenspiel aus Malerei, Tanz und Projektion. Erleben Sie es selbst!